Richtig verstandener Pathos

In Leipzig haben die Bürger 1989 gewagt, friedlich gegen eine Nomenklatura zu demonstrieren, die zu ihren Grundlagen den Satz zählte, „… sich nie wieder die Macht aus den Händen nehmen zu lassen.“ Eindrucksvoll kann man sich im Museum in der „Runden Ecke“ davon überzeugen, dass dabei  das Recht skrupellos  gebeugt wurde. Alle gelernten DDR-Bürger kannten die Bereitschaft der SED, „die Errungenschaften des Sozialismus konsequent  zu verteidigen“. Aus diesem Grund musste jede Provokation vermieden werden. Die riskanten Demonstrationen begannen mit einem Friedensgebet. Menschen trugen Schärpen mit der Aufschrift „Keine Gewalt“. Jede Woche schaute man mit Spannung auf die Leipziger Demo und hoffte, dass die Anzahl der Teilnehmer wieder gewachsen war.  Andere Orte übernahmen das Format. Tausende Bürger hatten sich unter Kontrolle, sodass der spannungsgeladene Staatsapparat keinen Anlass zur Niederschlagung fand. Die Menschen wurden mitgerissen von dieser Atmosphäre. Woche für Woche wurde das durchgehalten. Es grenzt an ein Wunder. Und so wird es auch, aus meiner Sicht zu Recht, in der Rückschau  auf diese besondere „revolutionäre Situation“ in manchen Redebeiträgen zu diesem Thema gesehen. Das ehemalige SED-Politbüromitglied Horst Sindermann gestand kurz vor seinem Tod: „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

 

Diese Ereignisse waren wesentliche Grundlage für die Entwicklung in Deutschland hin zur Grenzöffnung und Wiedervereinigung. Ich erkenne an, dass begleitend auch andere historische Umstände einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Aber die „Friedliche Revolution“ hat ihren Namen und ihren Impuls von Leipzig bekommen.

In dieser Zeit begann ich, mich politisch zu engagieren.

Als im Deutschen Bundestag die Idee zu einem Einheits- und Freiheitsdenkmal aufkam, war klar, dass man ohne Leipzig einzubeziehen, dem Anliegen nicht gerecht werden konnte.

Leipzig wird in Zukunft nicht nur mit Johann Sebastian Bach verbunden werden, sondern auch mit der „Friedlichen Revolution“. Das ist eine Ehrenbezeichnung und steigert die Attraktivität der Stadt. Es ist ein Asset. Die Bürgergesellschaft ist kreativ und besonnen, aktiv und charakterstark, erfolgreich und bescheiden. Ja bescheiden, denn sie vermeidet, offen und selbstbewusst damit zu werben.

Wie es zum Fall der kommunistischen Diktatur in Deutschland und zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung kam, ist einzigartig in der deutschen Geschichte, es ist einzigartig in der Weltgeschichte.  Das wird weltweit gewürdigt, Touristen sind auf der Suche nach der besonderen Aura. Nebenbei ist die Theorie von Karl Marx übrigens auch gefallen, denn Revolutionen müssen nicht notwendigerweise mit Gewalt verbunden sein. Diesem Geschehen muss in würdigen Rahmen gedacht werden. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal ist die Idee eines angemessenen Gedenkortes mit gebotener Abstrahierung.

Ich war Mitglied der Jury für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal (mit Zustimmung der Leipziger Kollegen) und im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien eng mit der Entwicklung des Berliner Denkmals befasst. Beide Ausschreibungen konnten beim ersten Mal nicht erfolgreich zu Ende gebracht werden, weil das durch allerlei Fachverstand erzielte Ergebnis der Bevölkerung nicht zu vermitteln war. Das kann passieren und ich habe dem Oberbürgermeister Jung versprochen, mich für den Erhalt der Bundesmittel einzusetzen, wann immer der zweite Anlauf genommen wird.

In einer demokratischen Gesellschaft mit vielfältiger Partizipation zur Verwirklichung einer Idee ist ein anstrengender Prozess notwendig. Wenn allerdings die Stadt das Denkmal nicht will, dann kommt es auch nicht. Demgegenüber widmet sich die Skulptur von Miley Tucker Frost den Kernelementen des Geschehens, Kerzen und keine Gewalt. Die Figuren sind lebensgroß und 3,50 m breit. Es ist eine Gabe amerikanischer Bürger, der amerikanischen Zivilgesellschaft sozusagen, als Geste der Freundschaft und Anerkennung des mutigen Engagements und der Idee der Gewaltlosigkeit. Wir brauchen solche freundschaftlichen Bande an der gesellschaftlichen Basis mehr denn je. Deshalb ist schon dem Grunde nach klar, dass der partizipative Prozess, der als quälend bezeichnet wurde, nicht stattfinden kann, denn der Vorschlag ist konkret. Und angesichts des freundschaftlichen Angebotes ist es bei Äußerungen dazu in Stil und Form den Anstand zu wahren mehr als angebracht. Nicht für alle Menschen nämlich stellt es einen Makel dar, wenn Kunstwerke auch von einfachen Menschen verstanden werden. Zu denen zähle mich auch.

Menschen, die wie die Künstlerin, aus einer Welt der Stärke und der Affinität zu angewandter Gewalt kommen, zeigen sich von der Möglichkeit gewaltfreier Veränderungen überwältigt. Da kann eine Kante zuviel, die an den sozialistischen Realismus erinnert, kein für die Ablehnung ausreichendes Kriterium sein. Kunstwerke überzeugen nicht alle Betrachter, aber die Diffamierung der Künstlerin ist enttäuschend. Das hat sie nicht verdient. Ich habe sie bei der Präsentation des ersten Entwurfes 2009 kennengelernt, der damals begrüßt wurde.

Feinsinnig hat der Autor des Artikels vom 26.2.2019 beim Thema der Überwindung der kommunistischen Diktatur Marx als Weisen der Geschichte ins Spiel gebracht. Das erinnerte mich an das chinesische Geschenk einer 5-m-großen Marxstatue im sozialistischen Kunststil an die Stadt Trier. Es wurde schließlich akzeptiert, obwohl Künstler und Journalisten in China im Gefängnis sitzen und die marxschen Folgerungen aus seiner Analyse der Gesellschaft heute nicht mehr vorzeigbar sind. Die Skulptur von Miley Tucker –Frost kann die Rolle eines großen Denkmals nicht spielen. Sie betont einfach und verständlich, wie Furcht durch Mut überwunden und Veränderung ohne Gewalt erreicht werden kann. Dieses Geschenk einer Skulptur sollte nicht überspitzt betrachtet sondern gelassen akzeptiert werden. Es wird genügend Raum in der Stadt, auch am Museum in der „Runden Ecke“, gefunden werden für das Denkmal, zu dem der Bundestag die finanziellen Mittel bereitstellen wird.

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